|
Das Erleben eines Hurricans der Stärke 2-3 Anfang August hat bei uns ein traumatisches Gefühl hinterlassen.
Hurricane Charley war gerade vor 2 Wochen über uns gezogen. Strom und Wasser waren waren seit ein paar Tagen wieder verfügbar und die Aufräumaktion des Wartungstrupps unserer Wohnanlage war in vollem Gang. Auf dem grossen Parkplatz vor dem See türmten sich die entwurzelten Bäume und andere Überreste des Sturms.
Ein Zeitungsartikel setzte sich mit der Statistik eines neuen Hurricanes über Central Florida auseinander und meinte, der letzte Hurricane war vor 34 Jahren, aber der nächste könnte schon in zwei Wochen über uns rauschen und wenn er von der Ost- oder Westküste her einträfe, wären die angerichteten Schäden viel größer als die durch Charley verursachten.
Charley kam ganz an der Südspitze Floridas an Land und musste 300 km zurücklegen bis er über uns zog, immerhin mit Windböen von bis zu 170 km/h. Ein Hurricane der Stärke 4, der aus dem Osten oder Westen direkt auf uns zu stieße, wäre eine Katastrophe - nicht nur für uns.
Genau dieses Szenario erwartete uns gerade mal drei Wochen nach Charley.
Der neue Hurricane Frances wurde schon lange beobachtet, wie er sich seinen Weg von der Westküste Afrikas nach Westen bahnte, immer größer und stärker wurde und bedrohlich auf uns zielte. Am Mittwoch ging der vorhergesagte Pfad von Frances von den Bahamas kommend genau über Central Florida.
Zwar sollte er erst in einigen Tagen auf Florida treffen, aber er wurde immer stärker und größer, ein Gebilde der Fläche von Texas, und das Ganze bewegte sich immer langsamer mit nur noch 14 km/h. Das bedeutet, wenn man den Sturm miterlebt: 18 bis 24 Stunden lang extrem starke Winde, mit allem Getöse und Pfeifen ums Haus, prasselnder Regen auf dem Dach, nachts im Dunkeln (weil aus Sicherheitsgründen der Strom abgestellt wird), und allen negativen Folgen wie tagelanger Strom- und Wasserausfall und Schäden am Haus. Im Vergleich dazu ist der "Erlkönig" ein nettes Gedichtchen...
Nach dieser Nachricht war es mir ganz schlecht. Ich hatte Magenschmerzen und das Gefühl, ich überstehe nicht noch einen Hurricane in so kurzer Zeit. So setzten wir uns zusammen und überlegten was zu tun sei. Möglichst weit wegfahren und abwarten bis die Gefahr vorüber ist. So planten wir am nächsten Tag, Donnerstag den 2.9. Richtung Nordwesten zu fahren, bis Tallahassee, der Hauptstadt Floridas und - je nachdem, wie die Vorhersagen ausfallen würden - am Freitag, den 3.9. bis nach New Orleans.
Hannelore buchte über das Internet die Hotels und am nächsten Morgen sicherten wir unsere Möbel, Bilder und anderen Kram, an dem wir hängen, notdürftig, indem wir es von den Fenstern weg (evtl. Glasbruch + Regen) oder in das mittlerste Zimmer des Hauses brachten, packten das Wichtigste in den Van, u.a. Hannelores Gitarre, und um 9.30 Uhr fuhren wir los.
Am Anfang, während der ersten 50 km kamen wir flott voran, aber auf der Turnpike (Mautautobahn) nach Norden ging es schlagartig nur noch im Stop-and-Go-Verkehr weiter. Und das für die nächsten 180 km, für die wir 7 Stunden brauchten. Erst als wir die nach Norden führende I-75 verließen und auf die I-10 nach Westen bogen, ging es zügig weiter.
Offensichtlich flüchteten die meisten Leute eher nach Norden, als nach Westen. Das Hotel in Tallahassee war voll mit verängstigten Paaren und Familien, von denen viele ihre Hunde dabei hatten, und die durch ihr hysterisches Gebell die Gefühle ihrer menschlichen Partner zum Ausdruck brachten. Für uns war es keine geruhsame Nacht.
Am Freitag, dem 3.9. ging es weiter bis New Orleans, dichter Verkehr aber nur ganz wenig Stau. War auch egal, jeder Kilometer weg von Zuhause brachte uns in Sicherheit.
Auf der Fahrt malten wir uns ein Worst Case Szenario aus: unser Haus total zerstört, mit allen Möbeln, persönlichen Sachen wie Fotos und und und. Das war gar nicht lustig. Klar, wir haben eine Versicherung, die den Totalverlust unseres Heims abdeckt, aber wir wollen nicht wieder von vorne anfangen, der Umzug von Deutschland hierher vor gerade mal 3 Jahren war stressig genug.
Am späten Nachmittag kamen wir dann in New Orleans an. Sobald wir die Grenze von Louisiana überquerten wurden die Straßen extrem holprig, vielleicht weil das ein besonders armer Staat ist.
Hannelore hatte in einem "TownePlace Suites" von Marriott gebucht, einem Hotel für Geschäftsreisende, die länger bleiben und den Komfort von Zuhause nicht missen wollen. So hatten wir eine 2-Zimmer Suite mit voll eingerichteter Küche, zwei Telefonleitungen und High Speed Wireless Internet Zugang (gratis!), den wir aber mit unserem 7 Jahre alten Notebook nicht nutzen konnten. Das Notebook war trotzdem ein Segen, denn es erlaubte uns den Weg von Frances zu verfolgen. (Wir konnten lokal über AOL einwählen, und Ortsgespräche sind gratis, also waren wir ständig online.)
New Orleans stand auf unserer Reiseliste - falls wir denn mal wieder Lust zum Rumfahren hätten - ganz oben. Aber unser Zwangsurlaub hatte für uns mit Tourismus und Sight Seeing herzlich wenig zu tun, wir hatten andere Sorgen. Schon vor Wochen wollten wir, nach dem Stromausfall durch Charley einen Benzin betriebenen Strom-Generator kaufen, aber die waren überall in unserer Gegend ausverkauft.
Das Hotel befand sich am Rand eines weitläufigen Geschäfts/Industriegebiets. Von unserem Fenster blicken wir auf den Parkplatz eines Kinokomplexes mit 20 (!) Vorführsälen und eine große Einkaufs-Mall war gleich um die Ecke. Obwohl interessante Filme angeboten wurden, 3-Gehminuten entfernt, hatte weder ich noch Hannelore Lust, einen davon anzuschauen.
Aber das Beste war ein Home Depot, ein Baumarkt, fünf Gehminuten vom Hotel. Am nächsten Tag bin ich gleich losspaziert und wurde tatsächlich fündig. Dort gab es einen Stapel von zehn Generatoren mit der Leistung, die mir vorschwebte: 5000 Watt. So war nach kurzer Zeit unser Auto mit 68 kg mehr beladen, dazu noch 4 Fünf-Gallonen-Kanister und einem dickem 30 A Kabel für den Anschluss. Kein schlechter Tag.
Aber die nächsten Tage waren ätzend langweilig für mich, ich interessierte mich nur noch für Frances und hatte wenig Ruhe zum Lesen. Hannelore machte hier allerdings auch nicht viel anderes als Zuhause; sie arbeitete an ihren Webseiten und im Internet, las oder kochte uns Leckeres in der "ergonomischsten Küche, die sie je erlebt hatte" (und das waren nicht wenige im Lauf der Jahre).
Mit der Zeit veränderte sich die Vorhersage von Frances' Pfad, der Landfall wurde immer südlicher vorhergesagt. Ich bin mir nicht sicher, wann Frances endlich Florida erreichte, ich glaube am Montag, dem 6.9. oder Dienstag, dem 7.9. und zwar gerade nördlich von Miami, also weit weg von uns. Der Sturm überquerte die Halbinsel, bog nach Norden in den Golf von Mexiko und kam abgeschwächt am Donnerstag wieder in Nordflorida bei Tallahassee an Land, und tschüss.
Nachdem der Sturm die Halbinsel verlassen hatte, rief ich Bekannte in unserer Anlage an. Sie hatten das Ereignis dort ausgesessen und meinten, diesmal war es weniger schlimm als bei Charley, der Strom war nach 36 Stunden wieder da und das Wasser nach 2 Tagen. Sie wiesen mich auf Ivan hin ein neuer Hurrican, der genau auf Central Florida zielte. Sie rieten uns, in unserem Asyl zu bleiben, bis auch Ivan vorbei sei. Das war Donnerstag, der 9.9.
Einen Tag vorher feierten wir unseren 22. Hochzeitstag, so gut wir konnten. Wir beschlossen unseren Zwangsurlaub wegen Ivan um eine Woche zu verlängern. Für das Hotel war das kein Problem. New Orleans hat im Sommer keine Saison - zu heiß, um durch die französich inspirierten Straßen zu schlendern und Jazzmusikern zu lauschen.
Jetzt kam die Vorhersage von Ivan, "dem Schrecklichen", in Bewegung. Das Ding, ein wirklicher Monsterhurricane driftete immer mehr nach Westen ab, so dass der Landfall nicht mehr auf der Halbinsel Floridas zu erwarten war, sondern eher in der Gegend von Tallahassee. Als es am Samstag, dem 11.9 ganz klar war, dass Ivan uns Zuhause in Central Florida verschonen würde, entschieden wir uns, am Sonntag in einem Rutsch heim zu fahren.
Das war eine gute Entscheidung, wir hatten freie Fahrt, wenig LKW's, und brauchten für die etwas über 1000 km weniger als 10 Stunden.
So jetzt sind wir wieder Zuhause. Die Schäden sind diesmal minimal, viel weniger als von Charley, wir haben einen Generator, der tut, und Ivan ist gerade dabei, während ich das hier schreibe "Landfall" in Mobile, Alabama zu machen, ganz in der Nähe von New Orleans.
|