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Es war Freitag, der 13. Ein Glückstag. 44 Jahre sind vergangen, seit wieder ein Hurricane mit voller Wucht über Central Florida stürmte; wir waren dabei und haben überlebt.
Charley, der Hurricane der Stärke 4 hat uns voll erwischt. Sein Zentrum, auch
Auge genannt, überquerte genau das Gebiet, in dem wir wohnen.
Charley begann vor Tagen recht harmlos. Die Medien berichteten ausführlich
zuerst über ein tropisches Tief, das sich zu einem tropischen Sturm und dann zu
einem Hurricane entwickelte. Noch über Kuba war Charley ein Hurricane der Stärke
2, richtete aber dort schon eine Menge Schaden an. Die verschiedenen
Wettervorhersagen waren übereinstimmend: Charley würde bei Tampa auf die
Halbinsel Florida treffen und dann einen nordöstlichen Weg einschlagen, weit weg
von uns. Daraufhin wurden ungefähr eine Million Einwohner aus der Gegend von
Tampa zwangsevakuiert und flohen in die Gegend von Orlando. Allerdings
veränderte Charley seine Richtung plötzlich kurz vor der Küste und schlug den
Weg Richtung Orlando ein. Die Leute aus Tampa waren aus dem Regen in die
Traufe geflüchtet!
Wir bereiteten uns, so gut wir konnten, auf alle
Eventualitäten vor. Den Kühl/Gefrierschrank stellten wir auf höchste
Kälteleistung, füllten alle vorhandenen Behälter mit Leitungswasser, und auch
eine Badewanne, als Reserve. Dann sicherte ich die Abdeckung des Whirlpools mit
einem Seil, ebenso die zwei Propangasbehälter (wir kochen mit Gas), brachte
unsere Fahrräder an einen windgeschützten Platz auf unserem West-Deck. Es war zu
erwarten, dass die stärksten Böen aus dem Süden kommen sollten.
Am Freitag verfolgten wir seit den frühen Morgenstunden die Berichterstattung
im Fernsehen. Gegen Mittag hieß es immer noch Charleys "Landfall" wäre in der
Nähe von Tampa, aber das änderte sich schlagartig gegen 14 Uhr, als es plötzlich
hieß, der Landfall erfolge auf der Höhe von Cape Coral, ein Ort in dem
überwiegend Deutsche (Ferien-) Häuser besitzen. Der weitere Weg sollte immer
noch mehr in den Norden als in den Osten gehen, immer noch weit weg von uns,
kein Grund zur Aufregung. Um 15.45 Uhr erfolgte der Landfall auf der nördlichen
Spitze von Captiva Island, einer Insel, die Cape Coral vorgelagert ist. Charley
hatte inzwischen die Kategorie 4 erreicht, das heißt, er produzierte Winde
mit Geschwindigkeiten von bis zu 235 km/h. Was dort passierte stand in allen
deutschen Zeitungen in den Schlagzeilen.
Am nächsten Morgen: Styroporstücke überall und hinten liegt
unsere Fernsehantenne. |
Vier Stunden später kam Charley dann auch zu uns. So ein Hurricane ist ein
riesiger Brocken. Der ganze Charley hatte etwa einen Durchmesser von 500 km. Als
sein Auge in Cape Coral eintraf, hatten wir - 250 km weiter nördlich - schon
mehrere heftige tropische Regengüsse mit Sturmböen, Donner und Blitz abbekommen,
als "feeder bands" bezeichnet, "Futterbänder" würden wir sagen. Danach
war es eine Weile ziemlich ruhig - die Ruhe vor dem Sturm - bis so gegen
18 Uhr; nun fing es an zu wehen, der Wind wurde immer stärker. Um 20 Uhr war der
Hurricane genau über uns mit Windböen von 180 km/h.
Ich erinnere mich an ein auf- und abschwellendes dumpfes Heulen des Sturms,
sehen konnte ich nicht viel, es war schon fast dunkel, der Strom war schon seit
einer Stunde abgeschaltet. Ich sah irgendwelche schattenhaften Gebilde
vorbeifliegen, irgend etwas Weißes. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, es
waren 5 cm dicke Styroporstücke, die jetzt dem Dach eines der Nachbarhauses
fehlen.
Die weißen "Flecke" sind Teile von der Außenverkleidung. Ostbäume
und Pflanzen am Spalier hat der Sturm schräg- oder ganz umgedrückt, die Töpfe
sowieso.

Unserem Haus, links, und dem des Nachbarn ist nichts passiert,
als die beiden Bäume umstürzten. |
Am nächsten Morgen, oh, oh -- unser "Paradies" sah ziemlich zerrupft aus. Das
Haus hatte fast nichts abbekommen, ausgenommenen abgerissener
Außenverkleidungen, war alles in Ordnung. Aber der Garten sah wild aus: Der
Sturm hatte eine Zwillingszypresse umgehauen und eine ausgewachsene Eiche in der
Mitte gespalten, so dass der halbe, noch stehende Teil gefällt werden muss. Zum
Glück fielen die Stämme und Äste nicht auf unser Haus oder das des Nachbarn,
sondern gerade dazwischen. Ein Glück, wenn man effektive Schutzengel hat.
Nachdem wir unseren Schaden als geringfügig bewertet hatten, schauten wir uns
den Rest der Wohnanlage an. Charley hatte hier in Cypress Cove eine Menge Unheil
verursacht, Dächer abgedeckt, Eichen, Zypressen und Kiefern umgerissen, die
teilweise auf Häuser und Wohnwagen stürzten.
Strom und Wasser waren ausgeschaltet, aber wir konnten uns Tee und anderes
Warmes zubereiten, da wir ja mit Gas kochen.
Im Großen und ganzen sind wir noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen,
wir haben einen Hurricane "ausgeritten", wie man hier sagt, und sind um einige
Erfahrungen reicher. Seit heute, Montag, haben wir wieder Strom, gerade als wir
alle unsere angetauten/tiefgekühlten Lebensmittel in den Müll werfen wollten...
Die getauten Shrimps wollten wir nicht mehr einfrieren und das führte zu einem
üppig-festlichen Shrimp/Pasta Menü, mit viel mehr Shrimps als Pasta - lecker,
lecker. Der "Vorteil" eines Hurricanes.
Das Haus ohne Dach, am nächsten Morgen mit Plastikfolie
abgedeckt, denn es regnete nach dem Hurricane jeden Tag ein, zwei Stunden.
Das Dach, inkl. Oberlicht, unter dem sich die Styroporisolierung
befand, klebt am Haus eines anderen Nachbarn einen Block weit
weg. |
Nach vier Tagen ist auch das Leitungswasser wieder ständig verfügbar, aber
nach fast einer Woche gibt es noch immer viele Haushalte in der Gegend, die
weder Strom noch Wasser haben.
Während meiner ersten Einkaufsfahrt nach Charley sah ich, dass es in anderen
Gebieten der Stadt weniger wild aussah als in unserer Nachbarschaft. Das liegt
vor allem an dem üppigen alten Baumbestand unserer parkähnlichen Wohnanlage, der
durch den Hurricane ziemlich reduziert wurde. Viele Eichhörnchen haben ihr
Zuhause verloren. Landschaftsgärtner sagen, ein Sturm ist der Hausputz der
Natur, "clean the clutter", was sinnvoll ist, denn viele der alten Bäume waren
innen hohl und hätten längst gefällt werden müssen, vor allem, wenn sie zwischen
Häusern stehen.
Vor dem Home-Depot (Baumarkt) warteten mindestens 50 Kunden um überhaupt
eingelassen zu werden. Bei meinem Lieblings Publix gab es überhaupt nichts
Frisches, also weder Salat, Gemüse, Milchprodukte, Fleisch noch Fisch. Die Kühl-
und Gefrierregale waren alle leer, ein wahrhaft gespenstischer Anblick.
Und trotz allem: wir fühlten uns glücklich. Freitag, der 13.,
ein Glückstag, weil wir überlebt hatten.
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