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Wir haben den Hurricane Charley überlebt Print E-mail
Written by Michael   

Es war Freitag, der 13.
Ein Glückstag.
44 Jahre sind vergangen, seit wieder ein Hurricane mit voller Wucht über Central Florida stürmte; wir waren dabei und haben überlebt.

Charley, der Hurricane der Stärke 4 hat uns voll erwischt. Sein Zentrum, auch Auge genannt, überquerte genau das Gebiet, in dem wir wohnen.

Charley begann vor Tagen recht harmlos. Die Medien berichteten ausführlich zuerst über ein tropisches Tief, das sich zu einem tropischen Sturm und dann zu einem Hurricane entwickelte. Noch über Kuba war Charley ein Hurricane der Stärke 2, richtete aber dort schon eine Menge Schaden an. Die verschiedenen Wettervorhersagen waren übereinstimmend: Charley würde bei Tampa auf die Halbinsel Florida treffen und dann einen nordöstlichen Weg einschlagen, weit weg von uns. Daraufhin wurden ungefähr eine Million Einwohner aus der Gegend von Tampa zwangsevakuiert und flohen in die Gegend von Orlando. Allerdings veränderte Charley seine Richtung plötzlich kurz vor der Küste und schlug den Weg Richtung Orlando ein. Die Leute aus Tampa waren aus dem Regen in die Traufe geflüchtet!

StormpathWir bereiteten uns, so gut wir konnten, auf alle Eventualitäten vor. Den Kühl/Gefrierschrank stellten wir auf höchste Kälteleistung, füllten alle vorhandenen Behälter mit Leitungswasser, und auch eine Badewanne, als Reserve. Dann sicherte ich die Abdeckung des Whirlpools mit einem Seil, ebenso die zwei Propangasbehälter (wir kochen mit Gas), brachte unsere Fahrräder an einen windgeschützten Platz auf unserem West-Deck. Es war zu erwarten, dass die stärksten Böen aus dem Süden kommen sollten.

Am Freitag verfolgten wir seit den frühen Morgenstunden die Berichterstattung im Fernsehen. Gegen Mittag hieß es immer noch Charleys "Landfall" wäre in der Nähe von Tampa, aber das änderte sich schlagartig gegen 14 Uhr, als es plötzlich hieß, der Landfall erfolge auf der Höhe von Cape Coral, ein Ort in dem überwiegend Deutsche (Ferien-) Häuser besitzen. Der weitere Weg sollte immer noch mehr in den Norden als in den Osten gehen, immer noch weit weg von uns, kein Grund zur Aufregung. Um 15.45 Uhr erfolgte der Landfall auf der nördlichen Spitze von Captiva Island, einer Insel, die Cape Coral vorgelagert ist. Charley hatte inzwischen die Kategorie 4 erreicht, das heißt, er produzierte Winde mit Geschwindigkeiten von bis zu 235 km/h. Was dort passierte stand in allen deutschen Zeitungen in den Schlagzeilen.

Styropor und Antenne im Garten

Am nächsten Morgen: Styroporstücke überall und hinten liegt unsere Fernsehantenne.

Vier Stunden später kam Charley dann auch zu uns. So ein Hurricane ist ein riesiger Brocken. Der ganze Charley hatte etwa einen Durchmesser von 500 km. Als sein Auge in Cape Coral eintraf, hatten wir - 250 km weiter nördlich - schon mehrere heftige tropische Regengüsse mit Sturmböen, Donner und Blitz abbekommen, als "feeder bands" bezeichnet, "Futterbänder" würden wir sagen. Danach war es eine Weile ziemlich ruhig - die Ruhe vor dem Sturm - bis so gegen 18 Uhr; nun fing es an zu wehen, der Wind wurde immer stärker. Um 20 Uhr war der Hurricane genau über uns mit Windböen von 180 km/h.

Ich erinnere mich an ein auf- und abschwellendes dumpfes Heulen des Sturms, sehen konnte ich nicht viel, es war schon fast dunkel, der Strom war schon seit einer Stunde abgeschaltet. Ich sah irgendwelche schattenhaften Gebilde vorbeifliegen, irgend etwas Weißes. Am nächsten Morgen stellte sich heraus, es waren 5 cm dicke Styroporstücke, die jetzt dem Dach eines der Nachbarhauses fehlen.

Suedseite

Die weißen "Flecke" sind Teile von der Außenverkleidung. Ostbäume und Pflanzen am Spalier hat der Sturm schräg- oder ganz umgedrückt, die Töpfe sowieso.

Unserem Haus, links, und dem des Nachbarn ist nichts passiert, als die beiden Bäume umstürzten.

Am nächsten Morgen, oh, oh -- unser "Paradies" sah ziemlich zerrupft aus. Das Haus hatte fast nichts abbekommen, ausgenommenen abgerissener Außenverkleidungen, war alles in Ordnung. Aber der Garten sah wild aus: Der Sturm hatte eine Zwillingszypresse umgehauen und eine ausgewachsene Eiche in der Mitte gespalten, so dass der halbe, noch stehende Teil gefällt werden muss. Zum Glück fielen die Stämme und Äste nicht auf unser Haus oder das des Nachbarn, sondern gerade dazwischen. Ein Glück, wenn man effektive Schutzengel hat.

Nachdem wir unseren Schaden als geringfügig bewertet hatten, schauten wir uns den Rest der Wohnanlage an. Charley hatte hier in Cypress Cove eine Menge Unheil verursacht, Dächer abgedeckt, Eichen, Zypressen und Kiefern umgerissen, die teilweise auf Häuser und Wohnwagen stürzten.

Strom und Wasser waren ausgeschaltet, aber wir konnten uns Tee und anderes Warmes zubereiten, da wir ja mit Gas kochen.

Im Großen und ganzen sind wir noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen, wir haben einen Hurricane "ausgeritten", wie man hier sagt, und sind um einige Erfahrungen reicher. Seit heute, Montag, haben wir wieder Strom, gerade als wir alle unsere angetauten/tiefgekühlten Lebensmittel in den Müll werfen wollten... Die getauten Shrimps wollten wir nicht mehr einfrieren und das führte zu einem üppig-festlichen Shrimp/Pasta Menü, mit viel mehr Shrimps als Pasta - lecker, lecker. Der "Vorteil" eines Hurricanes.

Haus ohne Dach

Das Haus ohne Dach, am nächsten Morgen mit Plastikfolie abgedeckt, denn es regnete nach dem Hurricane jeden Tag ein, zwei Stunden.

Verknautschtes Dach

Das Dach, inkl. Oberlicht, unter dem sich die Styroporisolierung befand, klebt am Haus eines anderen Nachbarn einen Block weit weg.

Nach vier Tagen ist auch das Leitungswasser wieder ständig verfügbar, aber nach fast einer Woche gibt es noch immer viele Haushalte in der Gegend, die weder Strom noch Wasser haben.

Während meiner ersten Einkaufsfahrt nach Charley sah ich, dass es in anderen Gebieten der Stadt weniger wild aussah als in unserer Nachbarschaft. Das liegt vor allem an dem üppigen alten Baumbestand unserer parkähnlichen Wohnanlage, der durch den Hurricane ziemlich reduziert wurde. Viele Eichhörnchen haben ihr Zuhause verloren. Landschaftsgärtner sagen, ein Sturm ist der Hausputz der Natur, "clean the clutter", was sinnvoll ist, denn viele der alten Bäume waren innen hohl und hätten längst gefällt werden müssen, vor allem, wenn sie zwischen Häusern stehen.

Vor dem Home-Depot (Baumarkt) warteten mindestens 50 Kunden um überhaupt eingelassen zu werden. Bei meinem Lieblings Publix gab es überhaupt nichts Frisches, also weder Salat, Gemüse, Milchprodukte, Fleisch noch Fisch. Die Kühl- und Gefrierregale waren alle leer, ein wahrhaft gespenstischer Anblick.

Und trotz allem: wir fühlten uns glücklich.
Freitag, der 13., ein Glückstag, weil wir überlebt hatten.